Eine NewsDeconstructed-Analyse
Am 20. Februar 2026 erlebt Donald Trump die bisher größte juristische Niederlage seiner zweiten Amtszeit. Das Oberste Gericht der USA erklärt die meisten seiner Zölle für ungültig. Die Richter urteilen mit sechs zu drei Stimmen: Das Notstandsgesetz, auf das sich Trump berufen hatte, ermächtige den Präsidenten nicht zur Verhängung von Zöllen. Dafür sei der Kongress zuständig. Trumps Reaktion kommt prompt. Keine 48 Stunden später kündigt er neue Zölle an. Erst zehn Prozent, dann fünfzehn Prozent auf nahezu alle Importe aus aller Welt. Am 23. Februar legt das Europäische Parlament die Umsetzung des Zollabkommens mit den USA formell auf Eis. Was folgt, ist keine Klarheit, sondern das Gegenteil: eine “neue Ära der Unsicherheit”, wie die Washington Post titelt. Und diese Unsicherheit ist kein Kollateralschaden. Sie ist Teil der Strategie.
Das Spannungsfeld: Wer zahlt die Rechnung?
Die Debatte um die Trump-Zölle dreht sich vordergründig um Handel, Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Aber im Kern geht es um eine viel grundsätzlichere Frage: Wer trägt die Kosten der Globalisierung? Und wer entscheidet, wie diese Kosten verteilt werden? Drei Narrative kämpfen um die Deutungshoheit, und jedes erzählt eine andere Geschichte darüber, wer hier Gewinner und wer Verlierer ist.
Narrativ 1: “Neue Ära der Unsicherheit” – Chaos als Methode
Das erste Narrativ erzählt eine Geschichte von Unberechenbarkeit. Die Washington Post, zitiert vom österreichischen ORF, spricht von einer “neuen Ära der Unsicherheit”. Trumps Reaktion auf das Supreme Court-Urteil sei nicht etwa ein Plan B, sondern ein Sprung ins Ungewisse. Niemand weiß, ob die neuen fünfzehn Prozent Zölle zusätzlich zu den bestehenden Zöllen kommen, die es bereits vor Trumps Amtsantritt gab. Für viele EU-Importe lagen diese bei null bis drei Prozent. Nach dieser Logik wäre der neue Zollsatz höher als fünfzehn Prozent. Aber niemand weiß es genau.
Niemand weiß auch, ob die bereits eingenommenen Zölle zurückgezahlt werden müssen. Fachleute schätzen, dass es um Rückzahlungen in Höhe von 175 Milliarden Dollar gehen könnte. Das Supreme Court hat sich dazu nicht geäußert. Wenn die US-Regierung zurückzahlen muss, stellen sich Fragen nach dem Wie und dem Wann. Der Logistikkonzern FedEx hat bereits eine Klage auf Rückerstattung eingereicht. Andere werden folgen. Das könnte zu jahrelangen Rechtsstreitigkeiten führen.
Und niemand weiß, ob die neuen Zölle überhaupt rechtlich zulässig sind. Trump begründet sie mit einem Handelsgesetz von 1974. Nach dieser Rechtsgrundlage sind die Zölle auf 150 Tage befristet und würden im Juli auslaufen, wenn der Kongress sie nicht verlängert. Aber Trump könnte das Gesetz einfach erneut anwenden. Oder eine neue Rechtsgrundlage finden. Neal Katyal, der Anwalt, der maßgeblich zum Erfolg vor dem Supreme Court beigetragen hatte, stellt die Rechtmäßigkeit der neuen Zölle bereits infrage. Er erklärt, dass alle “umfassenden Zölle” zunächst vom Kongress genehmigt werden müssten.
Was bleibt, ist Unsicherheit. Unternehmen wissen nicht, ob sie Zölle zurückbekommen. Sie wissen nicht, ob neue Zölle dazukommen. Sie wissen nicht, ob die Zölle im Juli auslaufen oder ob sie bleiben. Die Folge: Unternehmen halten Investitionen zurück. Sie warten ab. Sie planen nicht mehr langfristig, sondern kurzfristig. Michael Feroli, Ökonom bei JPMorgan Chase, warnt vor einer “deutlichen Zunahme der handelspolitischen Unsicherheit” und einem “neuen Gegenwind für Investitionsausgaben”.
Das ist kein Kollateralschaden. Das ist Strategie. Denn Unsicherheit ist ein Machtinstrument. Wer Unsicherheit erzeugt, zwingt andere, zu reagieren. Wer Unsicherheit erzeugt, behält die Initiative. Wer Unsicherheit erzeugt, kann jederzeit die Regeln ändern. Trump hat das verstanden. Er nutzt Unsicherheit nicht trotz, sondern wegen ihrer destabilisierenden Wirkung.
Narrativ 2: “Wer gewinnt, wer verliert?” – Die Rechnung geht nicht auf
Das zweite Narrativ erzählt eine Geschichte von Gewinnern und Verlierern. Die Tagesschau fragt: Wer gewinnt, wer verliert durch die neuen Zölle? Die Antwort ist kompliziert. Theoretisch sollen die Zölle die US-Produktion stärken. Wenn Importe teurer werden, so die Logik, kaufen Amerikaner mehr heimische Produkte. Die US-Wirtschaft profitiert, Arbeitsplätze entstehen, die Handelsbilanz verbessert sich.
Aber die Realität ist komplexer. Ökonomen warnen, dass die Rechnung nicht aufgeht. Das Penn-Wharton Budget Model kommt zu dem Schluss, dass die Zölle der US-Wirtschaft schaden. Peter Berezin, ein Ökonom, betont, dass Zölle “nur in einer Welt fixer Wechselkurse Sinn” machen. In einer Welt flexibler Wechselkurse, wie wir sie heute haben, führen Zölle zu Währungsanpassungen, die die Wirkung der Zölle neutralisieren. Kenneth Rogoff, Harvard-Ökonom, warnt: “Das Niveau der US-Zölle wird hoch bleiben.” Aber das bedeute nicht, dass die USA davon profitieren.
Die Verlierer sind klarer zu benennen. Die EU-Exportwirtschaft leidet. Besonders Deutschland und Österreich sind betroffen. Ein Experte, zitiert vom ORF, erwartet für Österreich einen Rückgang der US-Exporte um über zwanzig Prozent. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) berichtet, dass Maschinenbauer bereits unter den Zöllen leiden. Die Exporte in die USA sind deutlich gesunken.
Aber auch die US-Konsumenten verlieren. Denn Zölle sind keine Steuern auf ausländische Unternehmen. Sie sind Steuern auf US-Importeure, die die Kosten an die Konsumenten weitergeben. Höhere Zölle bedeuten höhere Preise. Das trifft vor allem einkommensschwache Haushalte, die einen größeren Teil ihres Einkommens für Konsumgüter ausgeben.
Und dann gibt es noch die lachenden Dritten: Hedgefonds. Die Washington Post berichtet, dass Hedgefonds von der Unsicherheit profitieren könnten. Importeure, die nicht wissen, ob und wann sie Zölle zurückbekommen, könnten ihre Rückerstattungsansprüche an Hedgefonds verkaufen, um sofortige Liquidität zu erhalten. Die Hedgefonds kaufen die Ansprüche mit einem Abschlag und profitieren letztlich von der Zahlung der Regierung. Das ist keine Wirtschaftspolitik, das ist Spekulation.
Die Frage “Wer gewinnt, wer verliert?” lässt sich also nicht einfach beantworten. Die Gewinner sind wenige, die Verlierer viele. Aber das eigentliche Problem ist, dass niemand weiß, wer am Ende die Rechnung zahlt. Ist es die US-Regierung, die Zölle zurückzahlen muss? Sind es die US-Konsumenten, die höhere Preise zahlen? Sind es die europäischen Exporteure, die ihre Märkte verlieren? Oder sind es alle zusammen?
Narrativ 3: “EU legt Abkommen auf Eis” – Geduld am Ende
Das dritte Narrativ erzählt eine Geschichte von Geduld und Grenzen. Am 23. Februar 2026 legt das Europäische Parlament die Umsetzung des Zollabkommens mit den USA formell auf Eis. Eigentlich hätte das Parlament bereits im Sommer 2025 die sogenannte Turnberry-Vereinbarung umsetzen sollen. Diese Vereinbarung sah eine Zollobergrenze von maximal fünfzehn Prozent vor. Aber nach dem Supreme Court-Urteil ist auch dieser Vereinbarung die Grundlage entzogen. Die EU-Kommission verlangt von Washington zunächst Klarheit über die konkrete Ausgestaltung der Maßnahmen, bevor sie diese bewertet und weitere Entscheidungen trifft.
Die Botschaft ist klar: Die EU ist nicht mehr bereit, auf Trumps Unberechenbarkeit zu reagieren. Sie will erst Klarheit, dann Verhandlungen. Aber diese Klarheit wird nicht kommen. Denn Trumps Strategie ist ja gerade die Unsicherheit. Die EU steht vor einem Dilemma. Wenn sie nicht reagiert, schadet sie ihrer eigenen Wirtschaft. Wenn sie reagiert, spielt sie Trumps Spiel mit.
Die Tagesschau fragt: “Ist die EU mit ihrer Geduld am Ende?” Die Antwort scheint ja zu sein. Aber was bedeutet das? Wird die EU Gegenzölle verhängen? Wird sie das Handelsabkommen endgültig aufkündigen? Wird sie versuchen, mit anderen Ländern Allianzen zu schmieden, um Trump zu isolieren? Niemand weiß es. Und das ist genau das Problem.
Was steht wirklich auf dem Spiel?
Hinter der Debatte um die Trump-Zölle verbergen sich mindestens drei grundsätzliche Konflikte:
Erstens: Die Frage nach der Macht. Trump nutzt Zölle nicht primär als wirtschaftspolitisches Instrument, sondern als Machtinstrument. Er zwingt andere Länder, zu reagieren. Er zwingt sie, Zugeständnisse zu machen. Die New York Times berichtet, dass asiatische Länder wie Japan, Indonesien, Südkorea, Taiwan, Malaysia, Kambodscha und Indien weitreichende Zugeständnisse gemacht haben. Sie haben viele ihrer Zölle auf US-Importe aufgehoben. Sie haben sich in Fragen von Sanktionen und nationaler Sicherheit an Washington angeglichen. Sie haben sogar zugesagt, kritische Mineralien wie Seltenerdmetalle aus den USA zu beziehen. Das sind keine wirtschaftlichen Entscheidungen, das sind politische Unterwerfungsgesten. Und nach dem Supreme Court-Urteil wissen diese Länder nicht, ob ihre Zugeständnisse noch gelten. Sie haben ihre Souveränität geopfert, ohne Gegenleistung.
Zweitens: Die Frage nach der Rechtsstaatlichkeit. Das Supreme Court-Urteil ist ein Sieg für die Gewaltenteilung. Es zeigt, dass auch ein Präsident nicht über dem Gesetz steht. Aber Trumps Reaktion zeigt auch, dass er bereit ist, die Grenzen des Rechtsstaats auszutesten. Er sucht nach neuen Rechtsgrundlagen, er nutzt befristete Gesetze, er droht mit weiteren Maßnahmen. Das ist keine Rechtspolitik, das ist Grenzüberschreitung. Und es stellt die Frage: Was passiert, wenn ein Präsident systematisch versucht, die Grenzen des Rechtsstaats zu verschieben?
Drittens: Die Frage nach der Globalisierung. Die Zölle sind ein Symptom für eine tieferliegende Krise. Die Globalisierung hat Gewinner und Verlierer produziert. In den USA haben viele Menschen das Gefühl, zu den Verlierern zu gehören. Arbeitsplätze sind ins Ausland abgewandert, Löhne sind gesunken, ganze Regionen sind abgehängt. Trump verspricht, das zu ändern. Er verspricht, die Globalisierung zurückzudrehen. Aber die Zölle sind keine Lösung, sie sind ein Placebo. Sie geben das Gefühl, dass etwas getan wird, aber sie lösen das Problem nicht. Im Gegenteil: Sie verschärfen es, weil sie Unsicherheit erzeugen, Investitionen hemmen und Handelskriege auslösen.
Die unsichtbaren Stimmen
Was in der gesamten Debatte fehlt, sind die Stimmen derer, die am Ende die Rechnung zahlen. Die österreichischen Unternehmen, die ihre US-Exporte verlieren. Die US-Konsumenten, die höhere Preise zahlen. Die Arbeiter, die ihre Jobs verlieren, weil die Produktion sinkt. Die asiatischen Länder, die Zugeständnisse gemacht haben, ohne Gegenleistung.
Stattdessen gibt es nur Statements von Politikern, Einschätzungen von Ökonomen, Analysen von Medien. Das ist wichtig, aber es ist nicht genug. Denn am Ende entscheidet nicht die Theorie, sondern die Praxis. Und in der Praxis zahlen Menschen die Rechnung, die in der Debatte nicht vorkommen.
Die Debatte um die Trump-Zölle zeigt, dass wir in einer Zeit leben, in der Unsicherheit zur Normalität wird. In der Verträge nicht mehr gelten. In der Macht wichtiger ist als Recht. In der jeder für sich kämpft und niemand mehr für alle. Das ist keine gute Entwicklung. Aber es ist die Realität, mit der wir umgehen müssen.
Am Ende bleibt die Frage, die niemand beantworten kann: Wer zahlt die Rechnung? Die Antwort ist unbequem: Wir alle. Aber nicht alle gleich viel. Und das ist das eigentliche Problem.
Die Quellen im Überblick
Tagesschau.de: Neue Trump-Zölle: Wer gewinnt, wer verliert, was kommt noch? (23. Februar 2026)
ORF.at: US-Zölle: Viele offene Fragen (23./24. Februar 2026)
Washington Post, New York Times, Wall Street Journal: zitiert in ORF.at


