Die Europäische Kommission hat einen neuen Aktionsplan gegen Cybermobbing vorgestellt, der Kinder und Jugendliche in der gesamten EU besser schützen soll – mit einer eigenen Melde-App, koordinierten nationalen Strategien und einem stärkeren Fokus auf Prävention an Schulen. Österreich wird von der EU-Kommission aufgefordert, einen nationalen Plan zu entwickeln.
Cybermobbing ist für viele junge Menschen in Europa eine bittere und zunehmend präsente Realität. Laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2025 geben etwa jeder sechste Heranwachsende im Alter von 11 bis 15 Jahren an, bereits Opfer von Online-Schikanen geworden zu sein . Die psychischen Folgen können gravierend sein und reichen von Angstzuständen und Depressionen bis hin zu sozialem Rückzug. Angesichts dieser alarmierenden Zahlen fordern über 90 Prozent der Europäer:innen dringende und wirksame Maßnahmen von der Politik, um Kinder und Jugendliche im digitalen Raum besser zu schützen . Als direkte Reaktion darauf hat die Europäische Kommission am 10. Februar 2026 einen umfassenden Aktionsplan gegen Cybermobbing ins Leben gerufen. Dieser Plan stützt sich auf drei zentrale Säulen: die Einführung einer EU-weiten Melde-App, eine harmonisierte Vorgehensweise der Mitgliedstaaten und eine signifikante Stärkung der schulischen Präventionsarbeit.
Österreich in der Pflicht: Nationale Umsetzung des EU-Plans
Der neue EU-Aktionsplan nimmt auch Österreich direkt in die Verantwortung. Die Bundesregierung wird, wie alle anderen Mitgliedstaaten, einen umfassenden nationalen Plan zur Bekämpfung von Cybermobbing entwickeln müssen. Dieser Plan soll auf einem gemeinsamen, EU-weit gültigen Verständnis von Cybermobbing basieren, um Daten besser erheben und vergleichen zu können. Ziel ist es, eine einheitliche Front gegen schädliches Verhalten im Netz zu bilden und sicherzustellen, dass junge Menschen in ganz Europa denselben Schutz genießen. Für Österreich bedeutet dies, bestehende Strukturen zu evaluieren und auszubauen – von den Beratungsstellen bis hin zur stärkeren Verankerung von Medienbildung in den Lehrplänen, ein Anliegen, das Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) mit seinem aktuellen Reformpaket „Plan Z” ohnehin verfolgt .
Ein zentrales und besonders greifbares Element des Aktionsplans ist die Entwicklung einer EU-weiten App. Diese soll es Opfern von Cybermobbing ermöglichen, Belästigungen einfach, niederschwellig und direkt bei nationalen Hotlines zu melden. Die App soll jedoch mehr als nur ein Meldekanal sein: Sie wird den Betroffenen auch konkrete Unterstützung anbieten und eine sichere, gerichtsverwertbare Speicherung von Beweismaterial wie Screenshots oder Chatverläufen ermöglichen. Die Kommission wird eine technische Vorlage (Blueprint) für diese App entwickeln, die von den Mitgliedstaaten – also auch von Österreich – übernommen, angepasst, übersetzt und mit den zuständigen nationalen Stellen wie der RTR (Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH) oder spezialisierten NGOs verknüpft werden kann.
Ein Bündel an Maßnahmen: DSA, KI-Gesetz und Medienkompetenz
Der Aktionsplan ist eng mit bestehenden und zukünftigen EU-Regulierungen verwoben und soll deren Schlagkraft im Bereich Jugendschutz erhöhen. Er sieht vor, die Richtlinien des Digital Services Act (DSA) zum Schutz von Minderjährigen zu überprüfen und zu stärken. Online-Plattformen sollen noch stärker verpflichtet werden, wirksamere technische und organisatorische Maßnahmen zu ergreifen, um Minderjährige vor schädlichen Inhalten zu schützen und einfache, kindgerechte Meldeverfahren bereitzustellen . Auch die Rolle von „Trusted Flaggern” – zertifizierten Stellen, deren Meldungen von den Plattformen priorisiert behandelt werden müssen – soll bei der Bekämpfung illegaler Inhalte, zu denen auch Cybermobbing zählt, durch neue Leitlinien präzisiert werden.
Darüber hinaus wird der Aktionsplan auch im Rahmen der laufenden Evaluierung der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD) berücksichtigt, um Cybermobbing auf Videoplattformen wie YouTube oder TikTok effektiver zu bekämpfen. Eine entscheidende Rolle spielt auch das KI-Gesetz (AI Act). Dessen Bestimmungen zu verbotenen KI-Praktiken, die zur Manipulation oder Täuschung von Personen missbraucht werden können, sollen konsequent umgesetzt werden. Dies betrifft insbesondere den Missbrauch von KI zur Erstellung von Deepfakes oder anderen manipulierten Inhalten, die im Rahmen von Mobbing-Attacken eingesetzt werden – ein Problem, das zuletzt durch die EU-Datenschutzuntersuchung gegen den KI-Chatbot Grok von X (ehemals Twitter) wegen sexualisierter KI-Bilder internationale Aufmerksamkeit erlangte. Zudem sollen Transparenzpflichten, etwa durch die verpflichtende Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten, durch einen neuen Verhaltenskodex gestärkt werden.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Während der Aktionsplan von vielen Seiten als wichtiger und notwendiger Schritt begrüßt wird, gibt es auch kritische Stimmen, die vor überzogenen Erwartungen warnen. So wird bemängelt, dass die EU-Kommission zwar auf die Dringlichkeit des Themas reagiere, die konkrete Umsetzung jedoch stark von der politischen und finanziellen Bereitschaft der einzelnen Mitgliedstaaten abhänge. Die Bereitstellung einer App-Vorlage allein garantiert noch keine flächendeckende und effektive Hilfe. Der Erfolg des gesamten Plans wird entscheidend davon abhängen, ob in den Mitgliedstaaten, auch in Österreich, ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen für die nationalen Beratungsstellen, die schulpsychologischen Dienste und die allgemeine psychologische Unterstützung von Betroffenen bereitgestellt werden.
Die aktuelle Debatte um ein generelles Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren, wie es derzeit in Österreich und anderen EU-Ländern diskutiert wird, verdeutlicht die Komplexität des Themas. Kritiker:innen eines solchen pauschalen Verbots argumentieren, dass es sich um reine Symbolpolitik handle, die das eigentliche Problem der mangelnden psychischen Gesundheitsversorgung und der fehlenden Medienkompetenz nicht löse. Ein Verbot sei zudem leicht zu umgehen und würde Jugendliche nicht auf ein Leben in einer digitalisierten Welt vorbereiten. Der EU-Aktionsplan wählt hier bewusst einen anderen Weg und setzt stärker auf Prävention, Aufklärung und die Stärkung der digitalen Bildung. Die Kommission plant, die Leitlinien für Lehrkräfte zur Förderung der digitalen Kompetenz zu überarbeiten und Cybermobbing-Prävention als zentrales Thema zu verankern.



