Ein Lächeln, der erste Schritt, ein lustiger Versprecher – für viele Eltern sind dies Momente puren Glücks, die sie am liebsten mit der ganzen Welt teilen möchten. In der Ära der sozialen Medien führt dieser Impuls zu einem Phänomen mit weitreichenden Folgen: “Sharenting”, das exzessive Teilen von Fotos, Videos und intimen Details aus dem Leben von Kindern im Internet. Doch was als Ausdruck von Stolz und Freude beginnt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein komplexes Problem, das die Privatsphäre, die Sicherheit und die psychische Entwicklung von Kindern massiv gefährden kann.
Dieser Artikel beleuchtet auf Basis aktueller wissenschaftlicher Studien die tiefgreifenden Risiken des Sharenting. Er zeigt auf, warum dieses Verhalten von Forscher:innen zunehmend als eine Form der digitalen Kindeswohlgefährdung eingestuft wird und bietet Eltern eine Orientierung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der digitalen Identität ihrer Kinder.
Die Veröffentlichung der Kindheit: Mehr als nur ein Foto
Sharenting geht weit über das gelegentliche Posten eines Familienfotos hinaus. Der Begriff beschreibt das gewohnheitsmäßige Dokumentieren und Veröffentlichen des kindlichen Alltags, oft von der Geburt an. Eine wissenschaftliche Analyse aus dem Jahr 2023, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Healthcare, definiert Sharenting als das Teilen und Offenlegen intimer Informationen über Kinder durch ihre Eltern auf Social-Media-Plattformen [1].
Die Konsequenzen dieses Handelns sind gravierend und manifestieren sich auf mehreren Ebenen.
| Risikoebene | Konkrete Gefahren | Wissenschaftliche Belege |
| 1. Physische und sexuelle Sicherheit | – Identitätsdiebstahl: Persönliche Daten (Name, Geburtsdatum, Wohnort) können für betrügerische Zwecke missbraucht werden.<br>- Sexuelle Ausbeutung: Kinderfotos können auf pädokriminellen Plattformen landen. | Eine schockierende Statistik des US-amerikanischen National Centre for Missing and Exploited Children besagt, dass die Hälfte der auf kinderpornografischen Websites getauschten Bilder ursprünglich von den Eltern selbst in sozialen Medien gepostet wurden [1]. |
| 2. Psychische und emotionale Entwicklung | – Verlust der Privatsphäre: Kinder haben keine Kontrolle über ihren digitalen Fußabdruck, der sie ein Leben lang begleiten kann.<br>- Emotionale Vernachlässigung: Der Fokus der Eltern kann sich von den Bedürfnissen des Kindes auf die Erstellung von “Content” für Social Media verschieben.<br>- Druck und Ausbeutung: Kinder werden mitunter gedrängt, bestimmte Verhaltensweisen für die Kamera zu wiederholen. | Die Studie klassifiziert Sharenting als eine Form des emotionalen Missbrauchs, da es das Kind während der Aufnahme gefährdet und es durch die geteilten Inhalte verletzlich macht [1]. |
| 3. Langfristige Identitätsbildung | – Fehlende Autonomie: Dem Kind wird das Recht genommen, selbst zu entscheiden, welche Aspekte seiner Persönlichkeit es wann und mit wem teilen möchte.<br>- Potenzielle Demütigung: Bilder oder Geschichten aus der Kindheit können später zu Mobbing oder sozialer Ausgrenzung führen. | Die Erstellung eines digitalen Zwillings ohne Einwilligung untergräbt die Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit und digitalen Souveränität. |
Die Psychologie hinter dem Teilen: Zwischen Stolz und Sucht
Warum setzen Eltern ihre Kinder diesen Risiken aus? Die Forschung identifiziert mehrere psychologische Treiber. Ein zentraler Faktor ist der menschliche Wunsch nach sozialer Anerkennung und Bestätigung – die Likes und positiven Kommentare wirken als soziale Währung [1].
Darüber hinaus sehen Wissenschaftler:innen eine starke Verbindung zu technologiebasierten Süchten. Die Studie zum “Sharenting Syndrom” stellt fest, dass dieses Verhalten eng mit einer Internetsucht der Eltern verknüpft sein kann [1]. In diesem Fall wird das Leben des eigenen Kindes zum Objekt der Sucht, das ständig neuen “Content” für die digitale Selbstinszenierung liefern muss. Die Bedürfnisse des Kindes treten dabei in den Hintergrund.
Rechtlicher Rahmen in Europa: Das Kind hat Rechte
In der Europäischen Union ist die Rechtslage durch die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) klar geregelt. Jede Person, auch ein Kind, hat ein Recht am eigenen Bild. Das Veröffentlichen von Fotos oder Videos, auf denen eine Person eindeutig identifizierbar ist, erfordert deren Einwilligung. Bei minderjährigen Kindern müssen die Erziehungsberechtigten zustimmen.
Das Problem beim Sharenting ist jedoch, dass die Eltern zwar rechtlich für das Kind entscheiden, aber dabei oft nicht im besten Interesse des Kindes handeln. Sie verletzen das zukünftige Selbstbestimmungsrecht des Kindes über seine eigenen Daten. Jurist:innen und Kinderschutzorganisationen weisen zunehmend darauf hin, dass Kinder später theoretisch ihre eigenen Eltern auf Unterlassung oder sogar Schadenersatz verklagen könnten.
Leitfaden für verantwortungsbewusstes Handeln
Ein vollständiger Verzicht auf das Teilen von Kindheitsmomenten ist für viele Eltern unrealistisch. Ein bewusster und reflektierter Umgang ist jedoch unerlässlich.
- Die Perspektive wechseln: Bevor ein Bild oder eine Geschichte geteilt wird, sollten sich Eltern fragen: “Würde ich wollen, dass dieses Bild von mir in 15 Jahren für jeden im Internet sichtbar ist? Könnte es meinem Kind peinlich oder unangenehm sein?”
- Einwilligung einholen (auch symbolisch): Auch wenn kleine Kinder noch keine rechtliche Einwilligung geben können, ist es ein wichtiger pädagogischer Akt, sie zu fragen, ob sie mit der Veröffentlichung eines Bildes einverstanden sind. Dies vermittelt ihnen von Anfang an ein Gefühl für ihre eigene digitale Autonomie.
- Maximale Privatsphäre-Einstellungen nutzen: Konten sollten auf “privat” gestellt werden. Freundes- und Follower-Listen sollten regelmäßig überprüft und auf einen engen Kreis von Vertrauenspersonen beschränkt werden.
- Informationen anonymisieren: Auf die Nennung von vollen Namen, Geburtsdaten, Wohnorten, Kindergärten oder Schulen sollte konsequent verzichtet werden. Gesichter von Kindern können verpixelt oder mit Emojis verdeckt werden, besonders bei Gruppenfotos.
Fazit: Die digitale Kindheit schützen
Sharenting ist ein Paradebeispiel dafür, wie gut gemeintes Handeln im digitalen Raum unbeabsichtigt erheblichen Schaden anrichten kann. Es offenbart eine grundlegende Fehleinschätzung vieler Erwachsener über die Permanenz und die unkontrollierbare Verbreitung von Inhalten im Internet. Der Schutz der Kinder erfordert hier nicht primär technische Lösungen, sondern einen fundamentalen Wandel in der elterlichen Haltung: weg von der öffentlichen Zurschaustellung der Kindheit, hin zur Wahrung des Kindes als eigenständige Persönlichkeit mit einem grundlegenden Recht auf eine unvoreingenommene Zukunft und eine selbstbestimmte digitale Identität.
Quellen
[1] Keskin, A. D., Kaytez, N., Damar, M., Elibol, F., & Aral, N. (2023). Sharenting Syndrome: An Appropriate Use of Social Media?. Healthcare (Basel), 11(10), 1359. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10218097/



