Kommentar von Johannes Knierzinger
Unsere Aufmerksamkeit ist nicht einfach wertvoll geworden. Sie ist zur Rohstoff-Ressource des digitalen Zeitalters mutiert. Und das hat alles verändert – nicht nur, wie wir kommunizieren, sondern wie wir denken, fühlen und entscheiden. Das Problem ist nicht neu, aber es wird immer dringlicher: Wenn Aufmerksamkeit Geld wert ist, wird alles, was uns emotional hält – Belohnung, Empörung, Angst – Teil des Geschäftsmodells. Das ist Mathematik und Ökonomie.
Früher war ein Klick die Währung. Ein Klick bedeutete: Ich bin interessiert. Heute ist es die Verweildauer. Je länger du bleibst, desto mehr Daten werden über dich gesammelt, desto mehr Werbung kann dir gezeigt werden, desto mehr Einfluss kann auf dich ausgeübt werden. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ein Klick ist schnell vorbei. Verweildauer ist Abhängigkeit.
Die nächste Grenze: Von Aufmerksamkeit zu Intimität
Aber wir müssen auch sehen, was kommt. Die Systeme wollen nicht mehr nur unsere Aufmerksamkeit. Sie wollen unsere Zuneigung. Sie wollen Intimität. KI-Chatbots wie Replika, Character.ai, Snapchat My AI – sie trainieren emotionale Bindungen. Und die Gefahr ist real: Emotionale Bindung an KI ersetzt echte soziale Interaktion. Das ist nicht Zukunftsmusik. Das passiert jetzt.
Die Systeme haben gelernt, wie man Aufmerksamkeit bindet. Jetzt lernen sie, wie man Liebe bindet. Das ist die nächste Grenze der Manipulation.
Überredende Technologie statt neutrale Werkzeuge
Wir müssen aufhören zu denken, dass Technologie neutral ist. Das ist sie nicht. Technologie ist designt. Und sie ist designt, um uns zu beeinflussen.
Variable Belohnungen – wie ein Spielautomat. Du weißt nicht, wann die nächste Benachrichtigung kommt, also schaust du ständig nach. Social Validation – Likes sind nicht einfach Feedback, sie sind der Maßstab für deinen Wert geworden. FOMO – Verlustangst, permanente Alarmbereitschaft. Wir können nicht abschalten, weil wir Angst haben, etwas zu verpassen.
Das ist nicht Technologie. Das ist Manipulation. Und es funktioniert besonders gut bei jungen Menschen, deren Gehirne noch nicht vollständig entwickelt sind.
Die Tabakindustrie-Strategie funktioniert auch digital
Die Tabakindustrie hat früher etwas gelernt, das heute alle großen Plattformen nutzen: Verantwortung outsourcen, Gewinne internalisieren.
“Es ist deine Wahl zu rauchen” – sagte die Tabakindustrie. Während sie das System auf Abhängigkeit optimiert hat. Heute sagen Plattformen: “Es ist deine Wahl zu scrollen.” Während ihre Algorithmen speziell dafür designt sind, dass du nicht widerstehen kannst.
Das ist nicht Freiheit. Das ist Illusion von Freiheit.
Warum haben Medien Regeln, aber Plattformen nicht?
Traditionelle Medien haben Impressumspflicht. Sie haben den Pressekodex. Sie haben Haftung für Inhalte. Aber digitale Plattformen sagen: “Wir sind nur die Bühne.” Und stehlen sich aus der Verantwortung.
Das ist nicht nur ungerecht. Das ist gefährlich. Denn wie sollen junge Menschen Wahrheit und Verantwortung unterscheiden, wenn das System selbst keine Regeln kennt?
Medienkompetenz ist die Antwort – nicht Verbote
Ich glaube nicht daran, dass wir Technologie verbieten können. Das ist weder realistisch noch sinnvoll. Aber ich glaube daran, dass wir verstehen können, wie sie funktioniert. Und dass Verstehen der erste Schritt zu Widerstand ist.
Medienkompetenz ist nicht optional. Sie ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts. Und das bedeutet nicht, Kindern zu sagen “Nutzt das nicht” – das bedeutet, ihnen beizubringen, wie die Systeme funktionieren, damit sie bewusste Entscheidungen treffen können.
Bildung ist der Schutzraum, in dem Mechanismen analysiert und Gegenstrategien entwickelt werden.
Vier Ebenen des Umdenkens
Wenn wir das ändern wollen, brauchen wir nicht nur Pädagogik. Wir brauchen Veränderung auf vier Ebenen:
Regulatorisch: Plattformen müssen in Verantwortung genommen werden. Nicht mit Verboten, sondern mit klaren Regeln – ähnlich wie traditionelle Medien.
Ökonomisch: Das Geschäftsmodell muss sich ändern. Nicht Aufmerksamkeit sollte die Währung sein, nicht Intimität – sondern Wohlbefinden.
Pädagogisch: Medienkompetenz muss in die Schulen. Nicht als Zusatzfach, sondern als Kernkompetenz.
Gesellschaftlich: Wir müssen digitale Achtsamkeit fördern. Eine Kultur, in der es normal ist, zu hinterfragen, warum wir tun, was wir tun.
Die zentrale Frage
Wie schaffen wir digitale Räume, in denen echte Beziehungen sich besser rechnen als digitale Abhängigkeit? Das ist die Frage, die wir uns stellen müssen. Nicht als Pädagog:innen, nicht als Eltern – sondern als Gesellschaft.
Weil das, was wir jetzt entscheiden, bestimmt, in welcher Welt unsere Kinder aufwachsen.
von Johannes Knierzinger
Vorstandsmitglied, International Association for Media Education (IAME)
Geschäftsführer, FoMB Forum MedienBildung GmbH
Lehrer für Digitale Grundbildung



