Von Vorreiter bis Nachzügler – ein Blick über die Grenzen zeigt: Österreichs Handyverbot ist Teil einer weltweiten Bewegung
Als Österreich am 1. Mai 2025 das bundesweite Handyverbot für Schüler:innen bis zur 8. Schulstufe einführte, war das Land keineswegs Vorreiter einer neuen Bewegung. Vielmehr reihte sich Österreich in eine internationale Entwicklung ein, die bereits seit Jahren an Fahrt gewinnt. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Die Debatte um Smartphones in Schulen beschäftigt Bildungssysteme weltweit – mit unterschiedlichen Ansätzen und überraschend ähnlichen Ergebnissen.
Die aktuelle Situation in Europa und darüber hinaus bietet wertvolle Erkenntnisse für die österreichische Bildungslandschaft. Während manche Länder bereits seit Jahren Erfahrungen mit Handyverboten sammeln, verschärfen andere ihre bestehenden Regelungen oder führen neue Beschränkungen ein. Diese internationale Perspektive hilft dabei, die österreichische Entscheidung einzuordnen und mögliche Entwicklungen abzuschätzen.
Europa: Ein Kontinent im Wandel
Die europäische Landschaft bei Smartphone-Regelungen ist vielfältig und entwickelt sich rasant weiter. Österreichs Nachbarländer haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, die interessante Vergleichsmöglichkeiten bieten.
Italien verschärft den Kurs: Unser südlicher Nachbar gilt als einer der konsequentesten Verfechter handyfreier Schulen. Bereits seit 2007 sind Mobilgeräte in italienischen Grundschulen für nicht-schulbezogene Zwecke verboten, seit 2024 auch in der Sekundarstufe I. Doch damit nicht genug: Bildungsminister Giuseppe Valditara kündigte im Juni 2025 eine weitere Verschärfung an. Ab dem neuen Schuljahr sind Smartphones auch in den Oberstufen komplett verboten – und zwar auch für Unterrichtszwecke. Diese radikale Entscheidung geht deutlich über das österreichische Modell hinaus und zeigt, wohin die Reise gehen könnte.
Frankreich als Pionier: Unser westlicher Nachbar war bereits 2018 eines der ersten europäischen Länder mit einem umfassenden Handyverbot. Ursprünglich galt die Regelung nur während des Unterrichts, doch auch hier gibt es Verschärfungen. Ab dem Schuljahr 2025/26 müssen französische Schüler:innen zwischen 11 und 15 Jahren ihre Geräte ganztägig in Schließfächern verwahren. Die französischen Erfahrungen sind besonders wertvoll, da sie über mehrere Jahre dokumentiert sind und positive Effekte auf das Schulklima belegen.
Schweiz: Kantonal unterschiedlich: Die föderale Struktur der Schweiz führt zu einem Flickenteppich verschiedener Regelungen. Während die meisten Kantone die Entscheidung den einzelnen Schulen überlassen, wagte Nidwalden im Mai 2025 einen bemerkenswerten Schritt: Als erster Kanton führte er ein komplettes Verbot von Smartphones, Tablets und Laptops auf dem gesamten Schulgelände ein. Diese Regelung ist sogar strenger als die österreichische, da sie auch schulische Geräte umfasst. Die Erfahrungen aus Nidwalden werden für andere Schweizer Kantone und möglicherweise auch für Österreich interessant sein.
Deutschland: Zögerlicher Nachbar: Österreichs großer nördlicher Nachbar tut sich schwer mit einheitlichen Regelungen. Während Hessen als erstes Bundesland ein landesweites Verbot ab dem Schuljahr 2025/2026 plant und Schleswig-Holstein bereits nachgezogen hat, lehnen andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen generelle Verbote ab. Diese Zurückhaltung steht im Kontrast zu Österreichs entschlossenem Vorgehen und zeigt, dass föderale Strukturen durchaus unterschiedliche Geschwindigkeiten ermöglichen können.
Niederlande: Positive Erfahrungen: Besonders interessant sind die Erfahrungen aus den Niederlanden, die seit Januar 2024 nationale Richtlinien für Handyverbote haben und diese im September 2024 auf alle Schulen ausgeweitet haben. Eine aktuelle Studie vom Juli 2025 bestätigt positive Effekte: verbesserte Konzentration, bessere Atmosphäre und erhöhte Lernleistungen. Diese empirischen Belege sind für die österreichische Diskussion besonders wertvoll.
Nordische Länder setzen Zeichen: Dänemark kündigte im Februar 2025 ein generelles Smartphone-Verbot an, Finnland führte zum 1. August 2025 ein landesweites Verbot mit Evaluierung bis Ende 2026 ein. Schweden plant sogar ein Verbot bis zur 9. Klasse ab Juli 2026. Diese Entwicklung zeigt, dass auch Länder mit traditionell liberalen Bildungsansätzen zu restriktiveren Maßnahmen greifen.
Globale Perspektiven: Lernen von anderen Kontinenten
Der Blick über Europa hinaus zeigt, dass die Smartphone-Debatte ein globales Phänomen ist. Verschiedene Kontinente haben unterschiedliche Ansätze entwickelt, die wertvolle Erkenntnisse für Österreich liefern.
Asien: Frühe Erfahrungen und pragmatische Lösungen: Japan war bereits 2009 Vorreiter bei Smartphone-Verboten, lockerte diese aber 2020 wieder – allerdings unter strengen Bedingungen. Eltern müssen Browser-Funktionen einschränken, Lehrkräfte über Medienrisiken aufklären und Schulen Aufbewahrungslösungen finden. Dieser differenzierte Ansatz zeigt, dass Verbote nicht statisch sein müssen, sondern an neue Erkenntnisse angepasst werden können.
China verfolgt seit 2021 einen anderen Weg: Kinder dürfen Smartphones nur mit ausdrücklicher Erlaubnis ihrer Eltern in die Schule mitbringen. Diese Regelung verlagert die Verantwortung stärker auf die Familien und könnte als Ergänzung zu schulischen Maßnahmen interessant sein.
Singapur zeigt, dass nicht alle Länder den Weg des Verbots gehen. Trotz intensiver Diskussionen hat das Land bisher auf ein landesweites Verbot verzichtet und setzt stattdessen auf schulautonome Regelungen und elterliche Kontrolle der Medienzeit. Dieser Ansatz ähnelt dem ursprünglichen österreichischen Modell vor Mai 2025.
Nordamerika: Föderale Vielfalt: In Kanada haben verschiedene Provinzen unterschiedliche Wege eingeschlagen. Ontario, Alberta und Quebec haben bereits Verbote eingeführt oder angekündigt, während andere Provinzen abwarten. Diese Vielfalt spiegelt die föderale Struktur wider und zeigt, dass auch innerhalb eines Landes verschiedene Ansätze möglich sind.
Die USA erleben derzeit eine Welle von Smartphone-Verboten. Inzwischen haben die Mehrheit der Bundesstaaten entsprechende Regelungen eingeführt, weitere wollen folgen. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da sie in einem Land stattfindet, das traditionell sehr liberal mit technologischen Innovationen umgeht.
Ozeanien: Radikale Ansätze: Neuseeland beschloss 2024 ein komplettes Verbot an allen Schulen und Klassenstufen – eine der umfassendsten Regelungen weltweit. Diese Entscheidung war ein Wahlversprechen der konservativen Regierung und zeigt, wie politische Prioritäten die Bildungspolitik beeinflussen können.
Österreich im internationalen Vergleich: Weder Vorreiter noch Nachzügler
Die internationale Bestandsaufnahme zeigt: Österreichs Handyverbot vom Mai 2025 ist weder besonders früh noch besonders spät. Das Land positioniert sich im europäischen Mittelfeld und kann von den Erfahrungen anderer lernen.
Ähnliche Ansätze: Die österreichische Regelung ähnelt stark den Modellen in Frankreich, Italien und den Niederlanden. Alle diese Länder setzen auf klare Verbote mit Ausnahmen für unterrichtliche Zwecke. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, sondern spiegelt einen internationalen Konsens über sinnvolle Regelungen wider.
Moderate Position: Im Vergleich zu radikaleren Ansätzen wie in Italien (komplettes Verbot auch für Unterrichtszwecke) oder Nidwalden (Verbot aller digitalen Geräte) nimmt Österreich eine moderate Position ein. Das Verbot gilt nur für private Nutzung, Lehrkräfte können Geräte für unterrichtliche Zwecke zulassen. Diese Flexibilität könnte sich als Vorteil erweisen.



